Mittwoch, 24. Juni 2009
Lichtblick
Um 21:54 Uhr verlasse ich das Gebäude und mache mich auf den Weg nach Hause. Die Sonne malt die Wolkenschleier pink an und schafft einen wundervollen Kontrast zum sich verdunkelnden Himmel.

Busse fahren so spät am Tag irgendwie, doch darüber habe ich mir vorher keine Gedanken gemacht. Mein Drahtesel hatte heute gestreikt, um sich ein wenig Rost anzufressen. Die Laptop-Tasche schwingt wie immer etwas störend neben dem Knie. Kurz darauf stelle ich fest, dass meine Erinnerung schon Vergangenheit ist, denn der Busplan wurde verändert. Nicht in drei, sondern vor sechs Minuten hatte der Bus gehalten und mich demnach knapp verpasst - Pech für ihn. Also wandere ich los zu einer anderen Buslinie, denn eigentlich wollte ich ja um 22:15 Uhr das neueste aus der Anstalt erleben. Na gut, auch ich schaue doch etwas fern. Aber heute?

Nächste Haltestelle: diese Möglichkeit ist doch keine, denn der Bus fährt zu dieser Zeit nur noch von der gegenüberliegenden Haltestelle und braucht, da er über ein Dorf fährt, etwa 50 Minuten ... da verlasse ich mich besser auf meine guten Freunde, die Füße. Doch wir (also ich und meine Quanten) geben die Hoffnung nicht auf. Vage erinnere ich mich an einen Schleichweg durch das Wohnheimgelände nebenan und plane mich im zunehmenden Dunkel durch die Büsche zu schlagen und wieder zur ersten Linie zu wandern. Bis ich da bin fährt der letzte Bus für heute. Ich komme an und ... habe ihn nicht verpasst. Nur stelle ich irritiert fest, dass ich plötzlich schon wieder zwölf Minuten warten soll. Ne, meine Sendung geht in 15 Minuten los, also kurzes Grübeln, neue Linie anpeilen und weiter gehts.

Die Laptop-Tasche wandert von Links nach recht, von der Schulter in die Hand. Lange hält sie es nirgends aus, denn ich bin wohl überall recht unbequem. Ich vergreife mich an einer Laterne, als ein Blechmonster keine Anzeichen macht mich per Zebra über den tiefstliegenden Asphalt reiten zu lassen. Wenigstens kreuzt heute Nacht kein Dieb meinen Pfad, denn die Vorfahrt wird mir doch nicht genommen. Einige Schritte weiter stelle ich fest, dass Fernsehen überbewertet wird - nur um mich nicht zu ärgern, dass es schon 22:14 ist. Dennoch bin ich sofort wieder im hier und jetzt, als mir aus der blauen Stunde eine junge Frau entgegenkommt, mit der ich heute früh schon auf den Weg in die Arbeit im Bus stand. Faszinierend und schon wieder weg.

Wieder dauert es 12 Minuten, obwohl es eine dritte Variante öffentlichen Heimkehr gewesen ist, die nicht unversucht geblieben ist. Verschwörung pur. Dank Stechschritt bin ich schon leicht verschwitzt und beschließe die nächste kleine Abkürzung zu nehmen. Doch was ist das? Inzwischen ist es fast ganz dunkel und der Schleichweg in den Park hinter der Litfasssäule ist verschwunden. Wenige Augenblicke später bin ich sicher: überwuchert. Es ist also wahr, die Menschen bevorzugen den einfachen Weg. Ich schiebe mich zwischen Blätter und Äste und versuche den Weg des zweitwenigsten Widerstandes zu gehen und die alte Richtung aus meiner schon wieder hinfälligen Erinnerung zu kramen. Es hilft ein wenig und voller Brün- und Braunzeug darf ich weiter. Ein nächtlicher Spaziergänger traut sich nicht näher an mich ran, als mit verdutzten Blicken möglich ist.

Aus dem Park und zur nächsten Haltestelle. Dort begegne ich einem Prunkstück von Kunstwesen, gefangen zwischen Frau und Mädchen. Sobald ich mich nähere nimmt die Maske eine Maske an und der starre Blick gen Horizont (von wo der Bus kommen sollte) kann dennoch nicht verbergen, dass die Augen Unsicherheit versprühen. Schnell sehe ich, dass die Abkürzung geholfen hat, denn ich bin immer noch zu früh ... und die letzten zwei Haltestellen bevor ich in die Straßenbahn umsteigen müsste schaffe ich auch so. Meine Beine sind seit langem mal wieder richtig gefordert (radeln gilt nicht) und tragen von selbst - was ich von Armen und Schultern nicht behaupten kann. Also überlasse ich das Bushäuschen wieder der Schaufensterpuppe und überlasse mich wieder dem Rythmus meiner Schritte.

Die Straßenbahn würde in acht Minuten kommen, meine Sendung verpasse ich wohl. Wieder geht es weiter vorbei an einem Nachtleben, welches sich unter der Woche von den spärlichen Opfern ernährt, welche es an den Wochenenden gefangen nehmen konnte. Mir wird wieder klar, dass ich es eigentlich richtig gut habe, denn meine Freunde mögen mich auch ohne Gel in den Haaren. Auf der Brücke hechte ich in einem Anfall von Verwegenheit trotz Notebook über das Geländer und überspringe die Tram-Schienen, denn eine Lücke im Verkehr spart mir später eine Ampel. Genau jetzt stelle ich fest, dass ich niemals stehen bleiben musste. Alle Ampeln grün, oder immer eine Pause im Verkehr. Aus Protest gehe ich über die letzte Ampel vor meinem Zuhause, obwohl sie rot ist. Jetzt wo es so gut läuft ...

Ich bekomme noch eine gute viertel Stunde meiner Sendung mit, fühle mich sehr lebendig und bin über 50 Minuten unterwegs gewesen. Trotz der Widrigkeiten bin ich nicht nur zufrieden, sondern sogar glücklich, denn ich habe auf dem Weg 10 Minuten geopfert, in diesen keinen Schritt getan und etwas neues in meiner Stadt entdeckt: Glühwürmchen.



Dienstag, 9. Juni 2009
Peinlicher Kreativitätsklau ...
Das Layout hat sich geändert, aber ich bin es nicht gewesen. Eine gewisse Schuld kann ich mir nicht nehmen lassen, dennoch muss ich gestehen: das ist alles nur geklaut.

Als Feind der Konsumgesellschaft konnte ich es nicht ertragen, dass mir Google Werbung auf meine Seite zwingt. Desweiteren bin ich schon ein wenig darauf bedacht, etwas schön zu präsentieren, sei es durch Sprache oder Layout oder Bild. Zugegeben, noch bin ich nicht recht vertreten durch diese wenigen taubehangenen Moosspitzen (ein Wort mit Doppeldoppelbuchstaben!) - aber ein Anfang ist es. Da muss ich dem Macher (ichichich) ein Lob aussprechen: ein sehr schöner Anfang. Leider muss ich jetzt schon prophezeien, dass ich mich noch einarbeiten werde in die Kunst des Blog-Layoutens. Html wurde schon einmal gelernt. Der Plan ist da, die Vision im Kopf, doch leider bin ich kein Künstler, der seine Gedanken mit wahrer Kunstfertigkeit in Bits und Bytes wandeln kann ... wobei im aktuellen Zeitmagazin wieder einmal sinngemäß zu lesen ist, digitale Medien seien der Kunst Tod. Gibt ein gutes Thema für einen der nächsten Gedankensprünge ...

Heute stattdessen - schließlich ist mir auch das Layout widerfahren - eine nette kleine Episode aus dem Alltag:

Ein kleiner orangener Zettel im Briefkasten hat mich wieder einmal daran erinnert, dass heute etwas schief läuft in der Gesellschaft: es gibt immer weniger Familien, in denen jemand daheim ist, wenn der Postbote arbeitet ... und alle anderen auch. Päckchen von meiner Frau, übers Internet aus dem Ausland an mich gewidmet geschickt. Leider steht die Widmung nicht auf der Abholkarte, sondern nur ihr Nachname - nicht meiner. Jetzt weiss ich auch, das ihr *keine Schleichwerbung*-Account vor unserer Hochzeit entstand. Das Problem ließ sich zur Erheiterung des Postbeamten leicht lösen, indem ich eine Kopie der Heiratsurkunde am Schalter anstelle einer Vollmacht vorlegte.

Das Schöne an dieser Geschichte war die Reaktion des Menschen, als er mir meine Sendung überreichte: "Das sind die kleinen Episoden, die erzählenswert sind." Ich freue mich, wenn es doch noch Menschen gibt, die mit offenen Augen und der Begeisterungsfähigkeit eines Kindes durch die Welt gehen ... ich hoffe mir das erhalten zu können.



Dienstag, 2. Juni 2009
Wider Gekautes.
Wieso sollte ich meine Pizza mit Messer und Gabel mühseelig aus dem Rondell pfriemeln und Stücke, die meinen Mundraum nicht mal annähernd ausfüllen andächtig kauend auf meine Geschmacksnerven wirken lassen, wenn McDonalds in Frankreich 8% Zuwachs erzielt? Wieso sollte ich mir die Mühe machen und in Manier eines Chemielaboranten exakt abgewogene, fein säuberlich in identische Stücke zerteilte Zutaten gekocht, gesotten, gebacken in stundenlanger Arbeit heulend und schwitzend zu einem 5 Gänge-Menü zu synthetisieren, wenn ich für sechs Euronen satt werde fast ohne kauen zu müssen?

Im Trend liegt es schon, das hektische der Zeit auch auf die Nahrungsaufnahme auszudehnen. Auch ich erwische mich als gestresster Doktorand immer wieder dabei in der Mensa den Anderen beim Speisen zuzusehen, da ich schon mit mehr Schlingen als Essen meinen Teller förmlich leergefegt habe.

Aber der Trend ist des Menschen Feind geworden - davon bin ich überzeugt. Denn wo man sich nicht mehr die Zeit nimmt, die lebenswichtigen Tätigkeiten mit der nötigen Hingabe oder auch nur mit ein wenig Genuß und Gesundheitsbewusstsein auszuführen, da wird das Dasein auf Arbeit oder sogar Stress beschränkt. Leben an sich möchte ich so einen Zustand nicht mehr nennen. Vegetieren klingt für mich auch daneben, denn die achten immerhin noch auf die Art ihrer Nahrung.

Tut Euch was gutes: kocht daheim. Ihr lernt dabei solide Handarbeit zu schätzen, Zeit bewusster wahrzunehmen und sogar Euch selbst zuzuhören. Denn vor dem Herd ist ein guter Platz um die Gedanken schweifen zu lassen ...