Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und ich bin ein Mensch. Das hat zur Folge, dass ich mir manchmal einbilde besser als der Rest zu sein (siehe auch
Homo comparatus), denn ich sehe gewöhnlich nur die Fehler der Anderen. Aber ich selbst leide ja immer noch an genügend Mängeln, die ich aus Gewohnheit noch nicht mal bemerke. Immerhin: ich kann auch Gutes in der Welt sehr schätzen.
Jeder Mensch hat seine eingefahrenen Denkstrukturen. Das ist von der Natur so angelegt, damit wir im Alltag funktionieren, ohne ständig nachdenken zu müssen, also eigentlich ungeheuer effizient. Dummerweise sind die meisten Menschen heutzutage nicht mit genügend lebenswichtigen Tätigkeiten ausgelastet und so entwickeln sie in Freizeit und Beziehung ebenso die mitunter nervtötende Gabe in einen Trott zu verfallen. Dann kommt irgendwann der Punkt, an dem es so nicht mehr weiter geht. Hier zeigt sich dann, wie flexibel man wirklich sein kann.
Je nach Härte des Schlags ist die Metapher vom Tal häufiger in Gebrauch, ein beliebtes Zitat aus der Bibel, welche ja auch mit Bildern jeden erreichbaren Menschen "mitnehmen" sollte (Psalm 23: Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück). Doch wer hat heute schon noch gottvertrauen ... (falls ja, bitte Kommentar hinterlassen)
Doch hier soll die Metapher ein wenig ausgebaut werden. Dunkel ist's im Tal, denn es ist ein Ort, an dem die Sonne nicht scheint. links und rechts türmen sich die Probleme und verhindern jede Sicht nach draußen, schaffen es, die wärmenden Strahlen zu verbergen. Und wenn es ganz dicke kommt, dann kann man den Unterscheid zwischen Tag und Nacht gar nicht mehr spüren. Man läuft Gefahr, sich daran zu gewöhnen ... oder hört ganz das laufen auf.
Wichtig ist es dann, sich auf sich Selbst zu besinnen. Denn plötzlich hört man mehr, riecht vorher Unerkanntes und fühlt sogar die Temperatur der umgebenden Luft. Das alles, weil die Augen nichts mehr erkennen können, und Visionen nicht mehr strahlen. Wichtig ist es auch den Kopf zu heben, um in neue Richtungen zu blicken. Einem Tal kann man folgen, doch für wie lange steckt man dann im Finst'ren? Und schlimmer noch, während man unbehelligt einen Fuß vor den Anderen setzt, wieviele Gedanken kann man haben, die einen nur tiefer hinein führen. Besser doch, man versucht sich am Aufstieg. Probleme sind da, um sie zu bewältigen. Berge, um bestiegen zu werden. Man ist beschäftigt, kämpft und lernt so seine Möglichkeiten, seine Fähigkeiten kennen. Einfach machen, weniger denken! Und mit den neuen Augen, die sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, sieht man mehr. Die anderen Sinne helfen einen den Berg zu erfühlen, zu erkennen und ihn vielleicht ein wenig abzutragen.
Ist man wieder oben auf, werden sich die Augen geblendet abwenden und schon bald ist die Empfindlichkeit hinweg. Der Mensch ist eben nicht dafür geschaffen, ewig und immer zu suchen und hinzusehen. Aber er ist als einziges Wesen in der Lage, sich dessen bewusst zu sein und deswegen seine Aufmerksamkeit zu steuern. Erinnere dich wohl, du Mensch, der du im Tal warst. Schätze das Licht auch, wenn du es hast und nicht erst, wenn es fehlt. Außerdem ist jedes Tal immer auch die Chance auf einen Weg zu einem höheren Berg, den man sonst nicht erreichen könnte.
Die Frage lautet nur: lohnt es sich nach Tälern zu suchen? Muss man sich immer erst der Finsternis stellen? Oder gibt es mit genügend Umsicht einen Weg nach oben, der im Licht bleibt.