Lichtblick
Um 21:54 Uhr verlasse ich das Gebäude und mache mich auf den Weg nach Hause. Die Sonne malt die Wolkenschleier pink an und schafft einen wundervollen Kontrast zum sich verdunkelnden Himmel.
Busse fahren so spät am Tag irgendwie, doch darüber habe ich mir vorher keine Gedanken gemacht. Mein Drahtesel hatte heute gestreikt, um sich ein wenig Rost anzufressen. Die Laptop-Tasche schwingt wie immer etwas störend neben dem Knie. Kurz darauf stelle ich fest, dass meine Erinnerung schon Vergangenheit ist, denn der Busplan wurde verändert. Nicht in drei, sondern vor sechs Minuten hatte der Bus gehalten und mich demnach knapp verpasst - Pech für ihn. Also wandere ich los zu einer anderen Buslinie, denn eigentlich wollte ich ja um 22:15 Uhr das neueste aus der Anstalt erleben. Na gut, auch ich schaue doch etwas fern. Aber heute?
Nächste Haltestelle: diese Möglichkeit ist doch keine, denn der Bus fährt zu dieser Zeit nur noch von der gegenüberliegenden Haltestelle und braucht, da er über ein Dorf fährt, etwa 50 Minuten ... da verlasse ich mich besser auf meine guten Freunde, die Füße. Doch wir (also ich und meine Quanten) geben die Hoffnung nicht auf. Vage erinnere ich mich an einen Schleichweg durch das Wohnheimgelände nebenan und plane mich im zunehmenden Dunkel durch die Büsche zu schlagen und wieder zur ersten Linie zu wandern. Bis ich da bin fährt der letzte Bus für heute. Ich komme an und ... habe ihn nicht verpasst. Nur stelle ich irritiert fest, dass ich plötzlich schon wieder zwölf Minuten warten soll. Ne, meine Sendung geht in 15 Minuten los, also kurzes Grübeln, neue Linie anpeilen und weiter gehts.
Die Laptop-Tasche wandert von Links nach recht, von der Schulter in die Hand. Lange hält sie es nirgends aus, denn ich bin wohl überall recht unbequem. Ich vergreife mich an einer Laterne, als ein Blechmonster keine Anzeichen macht mich per Zebra über den tiefstliegenden Asphalt reiten zu lassen. Wenigstens kreuzt heute Nacht kein Dieb meinen Pfad, denn die Vorfahrt wird mir doch nicht genommen. Einige Schritte weiter stelle ich fest, dass Fernsehen überbewertet wird - nur um mich nicht zu ärgern, dass es schon 22:14 ist. Dennoch bin ich sofort wieder im hier und jetzt, als mir aus der blauen Stunde eine junge Frau entgegenkommt, mit der ich heute früh schon auf den Weg in die Arbeit im Bus stand. Faszinierend und schon wieder weg.
Wieder dauert es 12 Minuten, obwohl es eine dritte Variante öffentlichen Heimkehr gewesen ist, die nicht unversucht geblieben ist. Verschwörung pur. Dank Stechschritt bin ich schon leicht verschwitzt und beschließe die nächste kleine Abkürzung zu nehmen. Doch was ist das? Inzwischen ist es fast ganz dunkel und der Schleichweg in den Park hinter der Litfasssäule ist verschwunden. Wenige Augenblicke später bin ich sicher: überwuchert. Es ist also wahr, die Menschen bevorzugen den einfachen Weg. Ich schiebe mich zwischen Blätter und Äste und versuche den Weg des zweitwenigsten Widerstandes zu gehen und die alte Richtung aus meiner schon wieder hinfälligen Erinnerung zu kramen. Es hilft ein wenig und voller Brün- und Braunzeug darf ich weiter. Ein nächtlicher Spaziergänger traut sich nicht näher an mich ran, als mit verdutzten Blicken möglich ist.
Aus dem Park und zur nächsten Haltestelle. Dort begegne ich einem Prunkstück von Kunstwesen, gefangen zwischen Frau und Mädchen. Sobald ich mich nähere nimmt die Maske eine Maske an und der starre Blick gen Horizont (von wo der Bus kommen sollte) kann dennoch nicht verbergen, dass die Augen Unsicherheit versprühen. Schnell sehe ich, dass die Abkürzung geholfen hat, denn ich bin immer noch zu früh ... und die letzten zwei Haltestellen bevor ich in die Straßenbahn umsteigen müsste schaffe ich auch so. Meine Beine sind seit langem mal wieder richtig gefordert (radeln gilt nicht) und tragen von selbst - was ich von Armen und Schultern nicht behaupten kann. Also überlasse ich das Bushäuschen wieder der Schaufensterpuppe und überlasse mich wieder dem Rythmus meiner Schritte.
Die Straßenbahn würde in acht Minuten kommen, meine Sendung verpasse ich wohl. Wieder geht es weiter vorbei an einem Nachtleben, welches sich unter der Woche von den spärlichen Opfern ernährt, welche es an den Wochenenden gefangen nehmen konnte. Mir wird wieder klar, dass ich es eigentlich richtig gut habe, denn meine Freunde mögen mich auch ohne Gel in den Haaren. Auf der Brücke hechte ich in einem Anfall von Verwegenheit trotz Notebook über das Geländer und überspringe die Tram-Schienen, denn eine Lücke im Verkehr spart mir später eine Ampel. Genau jetzt stelle ich fest, dass ich niemals stehen bleiben musste. Alle Ampeln grün, oder immer eine Pause im Verkehr. Aus Protest gehe ich über die letzte Ampel vor meinem Zuhause, obwohl sie rot ist. Jetzt wo es so gut läuft ...
Ich bekomme noch eine gute viertel Stunde meiner Sendung mit, fühle mich sehr lebendig und bin über 50 Minuten unterwegs gewesen. Trotz der Widrigkeiten bin ich nicht nur zufrieden, sondern sogar glücklich, denn ich habe auf dem Weg 10 Minuten geopfert, in diesen keinen Schritt getan und etwas neues in meiner Stadt entdeckt: Glühwürmchen.
thofei am 24. Juni 09
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