Samstag, 13. Juni 2009
Wahr(?)nehmung
Platons berühmtes Höhlengleichnis stellt den reflektierenden Menschen vor die Frage: was verpasse ich, da mein Spiegel nur zweidimensional und flach ist? Wie tief ist die Welt und das Leben wirklich?

Die Physik bedient sich inzwischen vieldimensionaler Mathematik, um Vorhersagen über den Lauf der Natur zu machen. Das Verstehen ist darüber leider verloren gegangen. Man kann rechnen und erhält tatsächlich sehr gute Vorhersagen, doch ohne die abstrakte Sprache der Mathematik lässt sich das Wissen nicht mehr vermitteln und die anschaulichen Bilder, die man in popularwissenschaftlichen Zeitschriften findet, sind nur die flache Wahrheit. Mehr als ein leichtes Gefühl für Richtig und Falsch lässt sich nicht mehr erreichen.

Dennoch ist es gut, das es Bilder gibt: die Sinne liefern das Rohmaterial der Gedanken. Sie schaffen den Lehm, aus dem wir unsere Welt bauen. Und ohne eine Vorstellung von etwas zu haben, werden wir es auch nie Glauben oder Akzeptieren: Gott ist ein alter Mann mit Bart, Licht ist Teilchen und Welle zugleich.

Lernen geht am Besten, wenn man schon viele Verknüpfungen hat, an die man das Neue anhängen kann. Sich bewusst Vergleiche zu schaffen hilft. Deswegen ist es meiner Meinung die Aufgabe eines Menschen, der ein möglichst differenziertes Weltbild bauen möchte, sich viele Erfahrungen anzueignen - mit Bewusstsein für den Moment, um keine Details zu verpassen. Das ist mit ein Grund, warum ich die Medien-Hörigkeit und -Sucht in der heutigen Gesellschaft verdamme. Eine flache Welt, in einem kleinen Raumwinkel gepresst, ohne Gefühl, Geruch und Geschmack lässt den Menschen verkümmern.

Wieso ist mein Grün auch das Grün meiner Bekannten? Weil in unserer Gesellschaft dieser Begriff für Frösche und frisches Gras definiert ist. Das heißt noch lange nicht, dass alle Menschen dasselbe sehen. Wie eine Wahrnehmung empfunden wird ist noch Thema aktueller Forschung. Das sollte uns aber einen Grund für mehr Toleranz geben. Es kann und darf mehr als nur eine "richtige" Sicht der Dinge geben, so wie es mehr als einen Typen Mensch gibt.

Zum Schluss noch: Meiner bescheidenen Meinung nach ist der Mensch nicht weit genug entwickelt. Er steckt fest zwischen einem intelligentem Wesen und einem Überlebenskünstler in einer wilden Natur. Er ist es gewohnt Gefahren möglicht schnell und akkurat zu identifizieren - deswegen merkt er sich Schlechtes besser. Außerdem ist er somit auch zu sehr auf Materielles fixiert. Je abstruser ein Gedanke, desto weniger benötigt ihn ein Wesen, welches Jagen und Fliehen können muss. Deswegen ist Technik auch so schön ... es erleichtert das Leben, welches man biologisch in sich verankert hat. Leider kann die heutige Erziehung das so entstehende Loch im Menschen nicht füllen ...

... und Wahrnehmung ist der falsche Begriff. Annehmung wäre vielleicht besser.